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Lesen Sie Guttenbrunn

Immer mehr junge Banater Schwaben betreiben Ahnenforschung, fragen nach ihrer Herkunft  und wollen mehr darüber wissen. Der Satz des Gelehrten Wilhelm von Humboldt „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft!“ ist für sie keine Floskel sondern eine sinntragende Botschaft. Adam Müller-Guttenbrunn hat das Thema Herkunft und Lebensweise der Banater Schwaben schon vor über hundert Jahren aufgegriffen und es auf beeindruckende Weise literarisch ausgestaltet. Literatur war für ihn in Verbindung mit seiner Herkunft nie Selbstzweck, denn er hat sich aktiv um eine Verbesserung der Verhältnisse für die deutschsprachige Bevölkerung im Donauschwäbischen Siedlungsraum der Jahrhundertwende eingesetzt. Müller-Guttenbrunn ist für die Volksgruppe der Banater Schwaben identitätsstiftend, denn wenn sich unsere Kinder und Kindeskinder einmal die Frage stellen werden, wie sind unsere Vorfahren ins Banat gekommen und wie haben sie dort gelebt, finden sie im Schaffen von Guttenbrunn nicht nur Schöngeist sondern auch präzise geschichtliche Antworten. Dies erfuhren kürzlich über sechzig interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer im Vereinsraum der Banater Schwaben in Spaichingen, bei einem Vortragsnachmittag zu Ehren des großen Schwabendichters.

Der Kreisverband der Banater Schwaben hat den 160. Jahrestag seit der Geburt Adam Müller-Guttenbrunns zum Anlass genommen, um das Leben und einen kleinen Teil seines Werkes zum Donauschwäbischen Siedlungsraum darzustellen aber auch um neue Aufmerksamkeit und Anreize zum Lesen dieses bedeutenden Schriftstellers zu vermitteln.

Guttenbrunn hatte in der Tat eine schwere Kindheit. Er wurde unehelich geboren, weil sein Großvater väterlicherseits einer Heirat seines Sohnes Adam mit der hübschen Wagnerstochter Eva Müller nicht zugestimmt hat. Mit zehn Jahren ging er nach Temeswar ans Gymnasium und wurde zunächst zum Versager, als der Schulunterricht im Banat schlagartig nur noch in ungarischer Sprache abgehalten wurde. Trotzdem besaß er viel Ehrgeiz und ging heimlich nach Hermannstadt, um als gelernter Friseur seine schulische Bildung zu vervollkommnen. Die konfessionellen Schulen der Siebenbürger Sachsen hatten seinerzeit keine Veranlassung gesehen, ihre Schulunterrichtssprache auf madjarisch umzustellen, was dem jugendlichen Adam Müller sehr zu Gute gekommen ist.

Mit knapp 18 Jahren fuhr der aufgeweckte und bildungshungrige Junge mit seinem Onkel Johann Guthier nach Wien, aber sowohl das Barbierhandwerk wie auch die Ausbildung zum Unterarzt reizten ihn zu wenig. In jeder freien Minute hat er sich durch Anleitungen von Fräulein Tilda, der Nichte seiner Arbeitgeberin, dem Lesen gewidmet, ging mit ihr ins Theater oder hörte an der Wiener Universität Literatur, Philosophie und Geschichte.  Diese Hörabende ließen ihn nicht los, selbst als er schon sein Geld als Telegraphenbeamter verdiente. 

Bereits mit 25 Jahren hatte er als Autodidakt seine ersten Dramen verfasst, die mit gutem Erfolg in Linz uraufgeführt wurden. Leider gelang ihm mit seinen realistischen Theaterstücken in Wien nicht der Durchbruch und so wendete er sich dem Journalismus zu. Er schrieb über 3.000 Feuilletons, kulturpolitische, literatur- und theaterkritische Aufsätze.  Darüber hinaus war er vier Jahre Direktor des Wiener Raimund-Theaters und fünf Jahre lang Direktor des Kaiser-Jubiläums-Theaters. Ganz besondere Verdienste erarbeitete er sich mit den Streitschriften „Gegen den Strom“ und „Die Lektüre des Volkes“, die bedeutende Verbesserungen des österreichischen Schulwesens aber auch der Theaterkultur zur Folge hatten. Seine Dramen wurden bis in Berlin, Linz, Wien und anderen Städten aufgeführt.

Und als im Banat in der Zeit der Madjarisierung kein einziges Buch mehr in deutscher Sprache erschien, gab er ab 1912 mit Hilfe seiner Freunde den Kalender „Der schwäbische Hausfreund“ heraus. Unter dem Decknamen des „Vetter Michl“ wollte er seinen lebhaften Anteil am kulturpolitischen Leben im Banat bezeugen. In diesen Jahren unterstützt er auch Viktor Orendi-Hommenau aktiv an der Herausgabe der Temeswarer Monatsschrift für  Kultur und Leben „Von der Heide“.  Ab dem Alter von 55 Jahren gelang es ihm noch eine eindrucksvolle Reihe von zehn Büchern mit Bezug zum Banat zu schreiben und zu veröffentlichen. Die in 1922 empfangene Ehrendoktorwürde der Wiener Universität für besondere Verdienste soll hier nur als ein Beleg seiner großen Anerkennung erwähnt werden.

Im zweiten Teil der Veranstaltung stellte Josef Koch gekonnt die Novelle „Der kleine Schwab“ vor. Müller-Guttenbrunn lässt in diesem „farbigen Kulturbild aus dem Banat“ den Bauernjungen und ehemaligen Dorfrichter Johann Mergl  von seiner Kindheit erzählen, die viel Autobiographisches beinhaltet. Trotz der Tragik der Ereignisse gelingt es Guttenbrunn sehr viele Schwänke und Traditionen der Banater Schwaben in diese 1910 erschienene Erzählung einzuflechten. Auch heute noch liest man diese „schlichte und packende Geschichte mit tiefer Ergriffenheit und stellt fest, welch ein warmfühlender Dichter sie geschrieben hat.“

Grete Bohateret schilderte im folgenden Beitrag zum Roman „Götzendämmerung“ die Erlebnisse des vielgereisten und erfahrenen Strombauingenieurs Georg Trautmann, der nach vielen Jahren des Aufenthalts in England und den Vereinigten Staaten von Amerika ins Banat kommt und ungerechte und unwürdige Zustände vorfindet. Mit viel Standhaftigkeit gelingt es ihm gegen diese Verhältnisse Widerstand zu leisten und seine Landsleute für ihre gerechte Sache zu motivieren. Das war in den banater Verhältnissen der vortrianonischen Zeit nicht einfach und mit vielen Rückschlägen verbunden. Trotzdem gelingt es Georg Trautmann seinen Landsleuten die Augen zu öffnen und selbstbewusster ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.

Als letzte Buchvorstellung sprach Richard Wagner über „Die Glocken der Heimat“, ein Roman, den Guttenbrunn auch nach wahren Begebenheit aus der Siedlungsgeschichte der Gemeinde Rudolfsgnad schrieb. Ein ganzes Dorf kämpft aufopferungsvoll gegen die korrupte ungarische Komitatsverwaltung und gegen die Tücken des Hochwassers von Theiß und Donau, um die heimatliche Scholle zu verteidigen. Es ist ein Buch, „gewoben aus Wahrheit, Dichtung und  Hoffnung, in dem der Schriftsteller seine Liebe zu seinem Volksstamm zum Ausdruck bringt“ und für welches er u.a. auch von Peter Rosegger große Anerkennung bekam. Darüber hinaus wurde ihm für diesen Roman in 1911 der damals viel begehrte „Bauernfeld“ Literaturpreis verliehen.

Das sind nur einige Beispiele einer ertragreichen Ernte seines Lebenswerkes, groß genug für ein ganzes Schriftstellerdasein, denn „tot ist nur, wer vergessen wird.“ Lesenswert sind viele weitere seiner Kulturromane allemal! Adam Müller-Guttenbrunn wurde am 8. Januar 1923 in einem Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof bestattet. 

Der Vorstand

Fotos: Richard Mahalek